WMAS im Einsatz: Wie der ESC 2026 den Breitband-Standard auf die Probe stellte
LGR Reutlingen – 15 Juni 2026 | WMAS in der Praxis Der ESC zeigt was der Breitband-Standard wirklich kann – das war das zentrale Fazit, das Fachleute nach dem spektakulären Auftritt des Eurovision Song Contest 2026 in Wien zogen. Mit Sennheisers Spectera wurde erstmals ein Wireless Multichannel Audio System (WMAS) unter den extremen Frequenzbedingungen eines der dichtesten Live‑Produktionen Europas betrieben. Die Meldung, dass der Breitband‑Standard nicht mehr nur ein Laborexperiment, sondern ein produktiver Teil großer Broadcast‑Events ist, hat die Diskussion um die zukünftige Ausstattung von Studios, Tour‑Produktionen und Fernsehstudios neu entfacht.
WMAS in der Praxis Der ESC zeigt was der Breitband-Standard wirklich kann
Im Kern unterscheidet sich das Wireless Multichannel Audio System von herkömmlichen Schmalband‑Lösungen durch die Art und Weise, wie es das verfügbare Funkspektrum nutzt. Statt für jeden Mikrofon‑ oder In‑Ear‑Link einen eigenen 200 kHz‑Träger zu reservieren, bündelt WMAS bis zu 64 Audiokanäle in einem einzigen 6‑ bis 8‑MHz‑Block – das entspricht in Europa einem kompletten DVB‑T2‑Kanal. Die zentrale Basisstation verwaltet den Block, weist Zeitschlitze und Subträger dynamisch zu und sorgt über TDMA‑ bzw. OFDMA‑Verfahren für eine bidirektionale Kommunikation, bei der Audio‑ und Steuerdaten über denselben Träger laufen.
Der praktische Nutzen wird deutlich, wenn man die Zahlen des ESC‑Einsatzes betrachtet: 170 drahtlose Kanäle wurden gleichzeitig betrieben, davon etwa 120 Mikrofon‑Links, 30 In‑Ear‑Monitore und weitere für IFB, Talkback und Telemetry. Rechnerisch hätten dafür drei Basisstationen ausgereicht, doch das Produktionsteam setzte sechs ein – vier für die aktive Übertragung, eine als permanenter Spektrumscanner und eine als Redundanzreserve. Diese Redundanz ist kein nachträglicher Schutz, sondern integraler Bestandteil der WMAS‑Architektur, die von Anfang an Monitoring und Fail‑over vorsieht.
Volker Schmitt, Manager Technical Application Engineering bei Sennheiser und langjähriger ESC‑Veteran, betonte in einem Interview, dass das System nicht nur die Frequenzkoordination erleichtert, sondern auch die Latenzzeiten unter 1 ms hält, selbst bei unkomprimierten 48 kHz‑Audioströmen. Das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber Schmalband‑Systemen, bei denen die Latenz je nach Kanalbelegung stark schwanken kann.
Die technische Basis ist in der ETSI‑Norm EN 300 422‑1 verankert, die seit der Revision 2021 den Breitbandbetrieb in Europa standardisiert. Damit ist WMAS nicht nur ein proprietäres Feature einzelner Hersteller, sondern ein offener, regulierter Standard, der von mehreren Anbietern implementiert wird.
Ein weiterer Aspekt, der beim ESC besonders ins Gewicht fiel, ist die Frequenzkoordination. Traditionell müssen Produktionsfirmen für jede einzelne drahtlose Verbindung eine eigene Frequenz beim nationalen Frequenzverwaltungsamt beantragen – ein Prozess, der bei Großevents schnell zu einem Engpass wird. WMAS reduziert diesen Aufwand, indem ein zusammenhängender 8‑MHz‑Block koordiniert wird und die interne Kanalverteilung automatisch erfolgt. Das spart nicht nur Zeit, sondern minimiert das Risiko von Intermodulationsstörungen, die bei dicht besetzten UHF‑Bändern häufig zu Ausfällen führen.
Die regulatorische Situation ist derzeit stabil, weil die Weltfunkkonferenz WRC‑23 den Rundfunk im Band 470‑694 MHz als primären Nutzer bestätigt hat. PMSE‑Anwendungen bleiben Sekundärnutzer, was bedeutet, dass die aktuelle Nutzung von WMAS in diesem Band für die nächsten Jahre planbar ist. In den USA hat die FCC im Februar 2024 den Betrieb von WMAS in TV‑Bändern sowie in der 600‑MHz‑Duplexlücke erlaubt, was internationalen Dienstleistern neue Spielräume eröffnet.
Doch nicht jeder Markt hat dieselben Freigaben. Shure weist explizit darauf hin, dass die Verfügbarkeit bestimmter WMAS‑Modi regional variiert. Für Unternehmen, die global produzieren, bleibt daher eine gründliche Markt‑ und Lizenzprüfung nötig – allerdings auf Ebene von Betriebsmodi statt einzelner Frequenzen, was die Komplexität reduziert.
Die beiden aktuell verfügbaren Systeme – Sennheiser Spectera und Shure Axient Digital PSM – verfolgen unterschiedliche Marktstrategien. Spectera ist als komplettes, bidirektionales Ökosystem konzipiert: Eine 19‑Zoll‑Basisstation kann bis zu 64 Audio‑Links gleichzeitig verwalten, wodurch die gesamte drahtlose Infrastruktur einer Produktion ersetzt werden kann. Shure hingegen fokussiert zunächst das In‑Ear‑Monitoring, wo der Kanaldruck am größten ist. Das im Oktober 2024 vorgestellte System bietet bis zu 40 Kanäle in einem 8‑MHz‑Block, erweiterbar per Lizenz. Zusätzlich unterstützt es klassische Schmalband‑, Analog‑FM‑ und Punkt‑zu‑Punkt‑Modi, was einen sanften Übergang für bestehende Nutzer ermöglicht.
Die unterschiedliche Herangehensweise wirft die Frage auf, welche Strategie sich langfristig durchsetzt. Für Produktionsfirmen, die regelmäßig große Events mit hoher Kanalzahl betreuen – etwa Festival‑Dienstleister, Ü‑Wagen‑Betreiber oder große Theater – ist ein Komplettsystem wie Spectera attraktiv, weil es die gesamte Frequenzkoordination übernimmt und damit Personal‑ und Planungsaufwand reduziert. Unternehmen, die bereits über umfangreiche Schmalband‑Bestände verfügen und nur einzelne Anwendungsbereiche modernisieren wollen, könnten den modularen Ansatz von Shure bevorzugen.
Ein praxisnahes Urteil lässt sich anhand dreier Schwellenpunkte geben: Erstens die absolute Kanalzahl – unter etwa 24 drahtlosen Links ist Schmalband noch wirtschaftlicher, weil die vorhandenen Systeme bereits amortisiert sind. Zweitens der lokale Frequenzdruck – in Metropolregionen mit dichter DVB‑T2‑Belegung oder bei Events, bei denen mehrere Produktionen gleichzeitig um Spektrum konkurrieren, wird ein koordinierter 8‑MHz‑Block zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Drittens die Produktionsdichte – Unternehmen, die häufig Set‑Ups mit hoher Kanalzahl auf- und abbauen, amortisieren die Investition in WMAS schneller als stationäre Sender mit festen Studioinstallationen.
Kurzfristig bleibt WMAS also ein Entlastungswerkzeug für frequenzkritische Produktionen, kein genereller Ersatz für alle Schmalband‑Lösungen. Der Mischbetrieb, also das gleichzeitige Vorhandensein von Breitband‑ und Schmalband‑Systemen, wird in den kommenden Jahren weiter die Norm sein. Das erklärt, warum sowohl Sennheiser als auch Shure ihre Produkte bewusst kompatibel zu bestehenden Schmalband‑Beständen halten.
Ein Blick nach vorn richtet sich bereits auf die IBC 2026 in Amsterdam. Dort werden voraussichtlich neben Spectera und Axient Digital weitere Hersteller ihre WMAS‑Lösungen vorstellen. Sobald ein dritter Anbieter den Markt betritt, dürfte die Diskussion um Umstiegskosten, Lizenzmodelle und Systemarchitekturen deutlich an Tempo gewinnen – und damit den Breitband‑Standard weiter in den Mainstream bringen.
Für die deutsche Broadcast‑ und Produktionslandschaft bedeutet das: Wer jetzt in WMAS investiert, sichert sich nicht nur einen technologischen Vorsprung, sondern profitiert auch von einem stabilen regulatorischen Umfeld, das bis zur nächsten Weltfunkkonferenz 2031 voraussichtlich unverändert bleibt. Gleichzeitig bleibt die Notwendigkeit, die jeweiligen Betriebsmodi pro Markt zu prüfen, ein wichtiger Schritt, um unliebsame Überraschungen bei internationalen Produktionen zu vermeiden.

