Mercedes‑Veteran Warum deutsche Firmen den Mut verloren haben – Ein Blick auf Wandel und Risiko in der Automobilindustrie
LGR Reutlingen – 15 Juni 2026 | Im Gespräch mit dem Mercedes‑Veteran Warum deutsche Firmen den Mut verloren haben erhalten wir ein seltenes Panorama über sechs Jahrzehnte Automobilgeschichte, das von Werkzeugmacherlehre bis zur Gigafactory in Grünheide reicht. Der Interviewpartner Harald Schlarb, langjähriger Industrial Transformation Advisor und Gründer von HSIU Consulting, schildert, warum deutsche Unternehmen heute oft zögern, mutige Entscheidungen zu treffen, und welche Lehren aus seiner internationalen Laufbahn gezogen werden können.
Seine berufliche Basis legte Schlarb mit einer klassischen Lehre als Werkzeugmacher, gefolgt von einem Maschinenbaustudium und einer Ausbildung zum Industriebetriebswirt. Diese Kombination aus technischer Detailkenntnis und betriebswirtschaftlichem Denken prägte seine Arbeit bei Mercedes‑Benz von Anfang an. In Sindelfingen startete er in der Produktionsplanung für Karosserie und Rohbau – exakt dort, wo das Fahrzeug physisch entsteht.
Die frühen Jahre bei Mercedes waren von hochkarätigen Projekten geprägt. Schlarb war an der Entwicklung des Maybach und an der Fertigung von gepanzerten Sonderfahrzeugen beteiligt, bei denen sogar Beschusstests auf dem Werksgelände zum Alltag gehörten. „Das waren Fachleute, das waren wirklich Diamanten“, erinnert er sich, und hebt damit die Bedeutung von hochqualifizierten Teams für technologische Durchbrüche hervor.
Mercedes‑Veteran Warum deutsche Firmen den Mut verloren haben – Die Lehren aus einer internationalen Laufbahn
Ein erster Wendepunkt kam mit dem Mercedes‑SLR McLaren, dem ersten Serienfahrzeug mit Voll‑Carbon‑Karosserie. Für das Projekt zog es Schlarb nach England, wo er dreieinhalb Jahre lebte und die Eigenheiten der britischen Industriekultur kennenlernte. Die Erfahrung, in einem Umfeld zu arbeiten, das stark von Eigeninitiative und dezentralen Entscheidungswegen geprägt war, prägte sein späteres Denken nachhaltig.
Nach der Rückkehr nach Deutschland folgte ein Auftrag in Hermannstadt, Rumänien. Dort half Mercedes beim Aufbau eines Joint Ventures, und Schlarb übernahm die Rollen des stellvertretenden Werkleiters und Qualitätsleiters. Trotz knapper finanzieller Mittel beeindruckte ihn die Flexibilität und Freundlichkeit der lokalen Belegschaft – ein Kontrast zu den eher rigiden Strukturen, die er aus Deutschland kannte.
Der nächste große Schritt führte ihn nach Südchina, in die Stadt Fuzhou, die zu jener Zeit rund sechs Millionen Einwohner zählte. Dort verantwortete er die Vorkostenplanung und Kalkulation für Modelle wie Vito, Viano und Sprinter. Schlarb beobachtete, dass die chinesischen Fünfjahrespläne bewusst darauf abzielten, westliches Know‑how zu absorbieren, um langfristig eigenständig zu werden. Diese strategische Sichtweise, gepaart mit einer enormen Umsetzungsgeschwindigkeit, ließ ihn die Unterschiede zur deutschen Industrie deutlich wahrnehmen.
Weitere Stationen in Peking und São Paulo rundeten seine internationale Erfahrung ab. In Brasilien lernte er, wie wichtig lokale Anpassungen an globale Plattformen sind, während er in Peking die rasante Digitalisierung der Fertigungsprozesse miterlebte. Nach 36 Jahren bei Mercedes erreichte er schließlich den Anruf, der sein Berufsleben grundlegend verändern sollte: ein Angebot von Tesla, die Gigafactory in Grünheide zu unterstützen.
Der Wechsel zu Tesla stieß zunächst auf Unverständnis bei vielen ehemaligen Kollegen. 2020 war die Elektromobilität im Traditionskonzern noch ein Randthema, doch Schlarb sah die Chance, an einem Projekt mitzuwirken, das innerhalb von 22 Monaten eine Produktionskapazität für 500 000 Fahrzeuge auf einer grünen Wiese schaffen sollte – und das teilweise noch vor vollständiger behördlicher Genehmigung.
Ein entscheidender Faktor war das Paragraph‑8‑a‑Verfahren, das Teilfreigaben erlaubte, solange der Bauherr das Risiko eines späteren Rückbaus übernahm. In Kombination mit einer stabilen Landesregierung unter Minister Robert Woidke ermöglichte dies ein beispielloses Tempo. Schlarb betont, dass die Behördengespräche bei Tesla sofortige Antworten erhielten, anstatt in endlosen Schriftwechseln zu erstarren.
Aus dieser Erfahrung leitet er die klare Lehre, dass Mut und Risikobereitschaft kein ausschließlich amerikanisches Privileg seien. Deutsche Unternehmen könnten ebenso schnell handeln, wenn sie bereit wären, Verantwortung zu übernehmen, anstatt auf die nächste Genehmigung zu warten. Der Schlüssel liege in einer vertikalen Integration, bei der möglichst viel im eigenen Haus entwickelt und produziert wird – ein Prinzip, das er bei Tesla als vorbildlich bezeichnet.
Doch Mut allein reiche nicht. Die Führungskultur müsse den Mitarbeitenden den Raum geben, sich als „Diamanten“ zu fühlen und innovative Ideen zu verfolgen. Schlarb warnt vor hierarchischen Strukturen, die Kreativität ersticken, und plädiert für ein Umfeld, in dem Führungskräfte das Potenzial ihrer Teams aktiv fördern.
Bezüglich der zukünftigen Antriebstechnologien ist Schlarb überzeugt, dass die großen Automobilhersteller sich auf eine Technologie konzentrieren müssen – und zwar die Elektromobilität. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus reiner Wirtschaftlichkeit. Parallel laufende Entwicklungsstränge seien nicht mehr finanzierbar. Langfristig könnten Fahrzeuge als Energiespeicher oder sogar als autonome Robo‑Taxis dienen, wodurch die Betriebskosten nahezu auf Null sinken könnten.
Heute arbeitet Schlarb als Berater für mittelständische Unternehmen und Start‑ups. Er vermittelt das Wissen, das er über Jahrzehnte in verschiedenen Kulturen gesammelt hat, und betont, dass es nicht darum gehe, die Vergangenheit zu verteufeln, sondern von ihr aus nach vorne zu schauen. Für ihn ist die zentrale Botschaft: Mut, klare Verantwortung und eine offene Führungskultur sind die Grundpfeiler für die nächste industrielle Revolution.
Die Geschichte des Mercedes‑Veteran Warum deutsche Firmen den Mut verloren haben zeigt, dass Innovation nicht nur von Technologie, sondern vor allem von Menschen und ihrer Bereitschaft, Risiken zu tragen, abhängt. Wer heute den Mut hat, neue Wege zu beschreiten, wird die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im globalen Automobilsektor sichern.




