Korallenwärme: Wie Wissenschaftler hitzeresistente Riffe für die Zukunft finden

LGR Reutlingen – 20 Juni 2026 | As global warming threatens corals, scientists search for reefs that can take the heat – das ist das Leitmotiv, das die jüngste Expedition nach Majuro, der Hauptstadt der Marshallinseln, bestimmt. Dort sitzt Anne Cohen, langjährige Wissenschaftlerin am Woods Hole Oceanographic Institution, auf dem Bug eines Aluminium‑Landungsbootes und beobachtet, wie ein gelber, unbemannter Oberflächenfahrzeug, genannt Yellowfin, lautlos über das smaragdgrüne Lagunewasser gleitet. “Sie ist die beste Tauchpartnerin”, erklärt Cohen, während das Gerät präzise Koordinaten ansteuert und ihr den Weg zu einem besonders interessanten Riffabschnitt weist.
Der Klimawandel treibt die Ozeane immer stärker an – seit 1980 sind die globalen Meerestemperaturen um rund 0,8 °C gestiegen. Für empfindliche Korallen bedeutet das vermehrtes Bleichen, das bis zu 90 % der Riffflächen in manchen Regionen zerstört hat. Wissenschaftliche Modelle zeigen, dass ohne rasche Gegenmaßnahmen bis zum Ende dieses Jahrhunderts die Hälfte aller tropischen Riffe verloren gehen könnte. In diesem Kontext wird die Suche nach hitzeresistenten Riffen nicht nur zu einer wissenschaftlichen, sondern zu einer existenziellen Notwendigkeit.
As global warming threatens corals, scientists search for reefs that can take the heat
Die Expedition nach Majuro ist Teil eines internationalen Netzwerks, das sogenannte “Refugium‑Riffe” identifiziert – Orte, an denen Korallen trotz steigender Temperaturen überleben. Die Marshallinseln gehören zu den wenigen Regionen, in denen natürliche Auftriebssysteme kaltes Tiefenwasser an die Oberfläche bringen und so temporär kühlere Bedingungen schaffen. Solche Mikroklimata könnten Schlüssel zur Entdeckung von Korallenpopulationen sein, die bereits genetisch an höhere Temperaturen angepasst sind.
Yellowfin spielt dabei eine zentrale Rolle. Ausgestattet mit hochauflösenden Sonarsystemen, Unterwasserkameras und einer KI‑gesteuerten Bildanalyse, kartiert das Fahrzeug in Echtzeit die Topografie des Riffs, misst Wassertemperaturen und identifiziert gesunde Polypen. Die gesammelten Daten werden unmittelbar an das Forschungsteam an Bord übertragen, das mittels eines tragbaren Laborsortiments DNA‑Proben nimmt und die Zusammensetzung der symbiotischen Algen (Zooxanthellen) analysiert. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass einige Korallenarten in Majuro bereits seltene, wärmetolerante Algenstämme beherbergen.
Die Entdeckung solcher hitzeresistenten Partner ist ein entscheidender Baustein im Kampf gegen das Bleichen. In Laboren von Institutionen wie dem Scripps Institution of Oceanography werden diese Algen kultiviert und anschließend in gefährdeten Riffen ausgesetzt, um deren Resilienz zu erhöhen. Dieser Ansatz, oft als “Assisted Evolution” bezeichnet, birgt jedoch ethische und ökologische Risiken, die gründlich diskutiert werden müssen.
Parallel dazu untersuchen Forscher die genetische Vielfalt der Korallen selbst. Moderne Genom‑Sequenzierungstechniken ermöglichen es, einzelne Gene zu identifizieren, die für die Thermotoleranz verantwortlich sind. In den letzten fünf Jahren haben Studien gezeigt, dass sich die genetische Zusammensetzung von Riffgemeinschaften schneller an veränderte Umweltbedingungen anpassen kann, als bisher angenommen. Diese Erkenntnisse stärken die Argumentation, dass natürliche Selektion in Kombination mit gezielter Unterstützung ein realistischer Weg sein könnte, um das Überleben der Riffe zu sichern.
Die Implikationen reichen weit über die Ozeanforschung hinaus. Für die Politik bedeutet die Identifizierung von Refugium‑Riffen ein starkes Argument für die Ausweitung von Meeresschutzgebieten (MPAs). Länder, die solche Gebiete etablieren, erhalten nicht nur Biodiversitätsgewinne, sondern auch wirtschaftliche Vorteile durch nachhaltigen Tourismus und Fischereischutz. Internationale Finanzierungsmechanismen, etwa der Green Climate Fund, könnten gezielt in Projekte investieren, die die Wiederherstellung hitzeresistenter Riffe unterstützen.
Technologie ist dabei ein entscheidender Motor. Neben autonomen Fahrzeugen wie Yellowfin kommen Drohnen, Satellitenbilder mit hoher Auflösung und maschinelles Lernen zum Einsatz, um Temperaturanomalien frühzeitig zu erkennen und potenzielle Refugien zu kartieren. Unternehmen aus dem Bereich maritimer Technologie, darunter das US‑Start‑Up OceanAI und das europäische Unternehmen BlueTech, entwickeln Plattformen, die Echtzeitdaten mit ökologischen Modellen verknüpfen. Solche Innovationen ermöglichen es, Ressourcen gezielt dorthin zu lenken, wo sie den größten Einfluss haben.
Dennoch bleibt die Herausforderung gewaltig. Selbst die widerstandsfähigsten Riffe können nicht unbegrenzt steigende Temperaturen kompensieren. Die globale Emissionsreduktion bleibt das Fundament jeder langfristigen Strategie. In diesem Spannungsfeld zwischen lokaler wissenschaftlicher Innovation und globaler Klimapolitik wird deutlich, dass As global warming threatens corals, scientists search for reefs that can take the heat nicht nur ein Slogan, sondern ein Aufruf zum Handeln ist.
Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Kombination aus fortschrittlicher Technologie, genetischer Forschung und konsequenter Umweltpolitik ausreicht, um das fragile Gleichgewicht der Korallenriffe zu bewahren. Für Anne Cohen und ihr Team auf dem kleinen Aluminiumboot in Majuro bedeutet jeder Tauchgang, jedes Datenpaket und jede entdeckte hitzeresistente Kolonie einen Schritt näher an einer möglichen Rettung – und zugleich ein Mahnmal dafür, dass die Uhr für die Ozeane schneller tickt als je zuvor.



